Dienstalk

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Die Dynamik der Panik

Massenstillstand oder: Unser Leben im Stau

DiensTalk vom 26.Mai 2009

„Welche Auswirkungen hat Mobilität auf den Menschen?“ war die Kernfrage des letzten DiensTalks in der Führjahrssaison 2009. Auf Einladung von ÖVP-Landesgeschäftsführer Mag. Bernhard Rinner diskutierten die Steirische Verkehrslandesrätin Mag. Kristina Edlinger-Ploder, der Verkehrs- und Panikforscher Prof. Dr. Michael Schreckenberg und Oberst Wolfgang Staudacher, Leiter der Verkehrsabteilung Steiermark.

 

Bedeutet Stau auch Stillstand?

Untersuchungen belegen, dass wir immer mehr Zeit im Stau verbringen. Dass das nicht unbedingt negativ sein muss, belegte Prof. Schreckenberg. „Im Stau stehen kann auch bedeuten, Zeit zu haben, die man nutzen kann. Beispielsweise für Gespräche oder zur Entspannung.“ Darüber hinaus sei erwiesen, dass Stauerlebnisse nach dem Motto „100 Kilometer Stau und ich war dabei!“auch das Gemeinschaftsgefühl stärken können. „Die meisten Menschen nutzen die Zeit im Stau jedoch, um andere zu beobachten. Dabei entsteht meistens das Gefühl der Benachteiligung. Die anderen kommen schneller voran als ich.“ Ein Phänomen, das laut Schreckenberg zwar nicht richtig sei, jedoch zu häufigen Spurwechseln führt, was den Verkehrsfluss weiter behindere.

Dass Stau nicht gleichbedeutend mit Stillstand sein muss, unterstrich auch Verkehrslandesrätin Kristina Edlinger-Ploder. „Bei der Mobilität geht es darum, von A nach B zu kommen. Die Geschwindigkeit von Mobilität hat sich jedoch in den letzten Jahren so stark vervielfacht, dass es bei einer verkehrsbedingten Verspätung heute meist nur mehr um Minuten geht. Wir müssen uns aber zunehmend die Frage stellen, ob unsere Lebensqualität nicht wichtiger ist, als zwei oder drei Minuten später am Ziel anzukommen und dafür unter Stress zu stehen.“

Laut Oberst Staudacher ist für viele Menschen die Bewegung wichtiger, als das schnelle Erreichen des Zieles. „Wir können feststellen, dass es für viele Verkehrsteilnehmer wichtig ist, in Bewegung zu bleiben, auch wenn diese sinnlos ist. Einen Umweg zu fahren und später am Ziel anzukommen, sorgt bei Autofahrern für weniger Unruhe als im Stau zu stehen und zu warten, bis sich dieser auflöst.“ Dieses Phänomen sei laut Staudacher vor allem bei Großveranstaltungen zu bemerken.

Bringen weniger Regeln mehr Sicherheit?

Unterschiedliche Meinungen gab es darüber, ob weniger Regeln im Verkehr sogar für mehr und nicht für weniger Sicherheit sorgen können. „Man kann beobachten, dass gerade dort, wo Gefahr herrscht, besondere Vorsicht an den Tag gelegt wird und folglich aufgrund der höheren Aufmerksamkeit weniger Unfälle passieren. Ein optimaler Ausbau von Verkehrswegen und ein Maximum an Verkehrsregeln sorgen also nicht zwangsläufig für mehr Sicherheit, sondern können das Unfallrisiko sogar erhöhen“, waren sich Edlinger-Ploder und Staudacher einig. Dass dieses als „shared space“ bezeichnete Verkehrskonzept, das weitgehend ohne Reglementierungen im Verkehr auszukommen versucht, in der Praxis funktioniert, bezweifelte Panikforscher Schreckenberg. „Shared space geht davon aus, dass sich Menschen im Verkehr auch ohne Regeln kooperativ verhalten. Tatsache ist jedoch, dass diese Kooperationsbereitschaft sich abnützt. Keine Gesetzesmaterie verleitet Menschen so schnell und leicht zu Übertretungen wie das Verkehrsrecht. Menschen verändern sich, sobald sie im Auto sitzen und man kann nicht darauf vertrauen, dass sie ohne Regeln aufeinander Rücksicht nehmen.“

Mehr Verkehrserziehung bereits in der Schule

Schreckenbergs Gegenvorschlag, mit der Verkehrserziehung bereits sehr früh, nämlich in der Schule zu beginnen, fand die Unterstützung aller Diskutanten. „Jemanden der bereits seit 30 Jahren mit dem Auto fährt, zu mehr Rücksichtnahme und Sicherheit zu erziehen, ist beinahe unmöglich. Stattdessen sollten wir vermehrt an die Schulen gehen und bereits unseren Kindern vor Augen führen, was mein Verhalten als Verkehrsteilnehmer für andere bedeuten kann.“ Ein konkreter Auftrag für die Politik und ein Diskussionsergebnis, dem sich auch das DiensTalk Publikum anschließen konnte.